Innere Sicherheit durch polizei.seelsorge
- 19. Feb.
- 6 Min. Lesezeit
Lassen Sie mich zunächst den Versuch einer Definition an den Anfang stellen: Sicherheitsgefühl oder Sicherheitsempfinden meint die subjektive Einschätzung von Gefährdung bzw. Nichtgefährdung im privaten und gesellschaftlichen Leben. Polizeilich relevant ist dabei vor allem die Frage, inwieweit der Einzelne sein Lebensumfeld, seinen Wohnort oder sein Wohnviertel als frei von Störungen, Gefahren und Risiken erlebt. Subjektiv wahrgenommene Störungen und Gefahren, die das Sicherheitsgefühl beeinträchtigen, haben ihre Ursache zum Teil bereits in einer ungepflegt-vernachlässigten Wohnumgebung und nehmen dort zu, wo die Kriminalitätsbelastung als hoch empfunden wird.

Immer wieder betont Bayerns Innenminister Joachim Herrmann: „Bayern ist das sicherste Bundesland in Deutschland.“ Die veröffentlichte polizeiliche Kriminalstatistik des Bundes für das Jahr 2024 gibt ihm recht und belegt dies eindrucksvoll. Mit 4218 Straftaten pro 100.000 Einwohner (ohne ausländerrechtliche Delikte wie illegale Einreise oder illegaler Aufenthalt) lag die Kriminalitätsbelastung in Bayern im Jahr 2024 deutlich unter dem Bundeswert von 5.650 Straftaten. Zudem klärt die Bayerische Polizei mehr Straftaten auf. lm vergangenen Jahr lag die bayerische Aufklärungsquote bei 64,9 Prozent, der bundesweite Durchschnitt nur bei 55,9 Prozent. lm letzten Jahr schnitt Bayern in den Kriminalitätsbereichen, die das Sicherheitsgefühl der Bürgerinnen und Bürger stark beeinflussen, teilweise deutlich besser ab als der bundesweite Durchschnitt. Besonders bei der Gewaltkriminalität, zu der u. a. Mord, Totschlag, Vergewaltigung und sexuelle Nötigung im besonders schweren Fall, Raub, räuberische Erpressung, gefährliche und schwere Körperverletzung zählen, zeigte Bayern die im bundesweiten Vergleich mit Abstand niedrigste Häufigkeitszahl. Gleiches gilt für den Wohnungseinbruch. Nirgendwo sonst in Deutschtand ist das Risiko Opfer einer solchen Straftat zu werden geringer. Die bundesweiten Werte werden auch von der guten Sicherheitslage in Bayern beeinflusst.
„Nirgendwo in Deutschland lebt es sich so sicher wie in Bayern. Das verdanken wir vor allem der hervorragenden Arbeit der Bayerischen Polizei. Wir investieren in moderne Ausstattung, innovative Technik und kontinuierlich in mehr Personal für unsere Polizei. Diese Maßnahmen tragen entscheidend zur hohen Sicherheit in Bayern bei und stärken das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in unseren Rechtsstaat“, so Herrmann.
(aus: Bayerns Polizei – das Magazin für die Beschäftigten der Bayerischen Polizei 2/2025, S. 58)
Polizeiliches Handeln zielt auf die Wahrung von Ordnung und Sicherheit. Ziel ist es, mehr Frieden und Gerechtigkeit in der Gesellschaft und im zwischenmenschlichen Bereich zu erwirken. Polizeiliches Handeln kann in besonderer Weise belastend sein, da es Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte hautnah in Berührung bringt mit den dunklen Seiten menschlichen Lebens: mit Kriminalität und Gewalt, mit Schuld und Ohnmacht, mit Schmerz und Tod. Nach schwierigen Einsätzen können sich Beeinträchtigungen im körperlichen und seelischen Gleichgewicht einstellen.
Um dies zu verhindern bzw. präventiv dagegen anzugehen bedarf es einer spirituellen Sicherheit. Sie bezieht sich auf ein tiefes Gefühl der Geborgenheit und des Vertrauens, das aus einer inneren, oft spirituellen Quelle gespeist wird. Es ist mehr als nur die Abwesenheit von Gefahr, sondern eine innere Stabilität, die es ermöglicht, mit den Herausforderungen des Lebens umzugehen und sich auf das eigene Selbst und das Leben einzulassen.
Aspekte spiritueller Sicherheit
Vertrauen in eine höhere Macht oder das eigene Selbst: Viele Menschen finden spirituelle Sicherheit im Glauben an eine höhere Macht, das Universum oder eine tiefere Wahrheit. Diese Überzeugung kann ein Gefühl von Geborgenheit und Sinnhaftigkeit vermitteln, selbst angesichts von Unsicherheit und Widrigkeiten.
Innere Stabilität und Resilienz: Spirituelle Sicherheit beinhaltet auch die Fähigkeit, innere Stärke und Widerstandsfähigkeit zu entwickeln. Das bedeutet, dass man in der Lage ist, mit Stress, Angst und anderen Herausforderungen umzugehen, ohne dass diese das eigene Wohlbefinden grundlegend beeinträchtigen.
Sinnfindung und Lebensaufgabe: Eine spirituelle Perspektive kann helfen, einen tieferen Sinn im Leben zu finden und die persönliche Lebensaufgabe zu erkennen. Diese Sinnhaftigkeit kann eine Quelle der Motivation und Stärke sein, besonders in schwierigen Zeiten.
Verbindung zu anderen und zur Welt: Spirituelle Sicherheit kann auch durch die Erfahrung von Verbundenheit mit anderen Menschen und der Natur entstehen. Das Gefühl, Teil eines größeren Ganzen zu sein, kann ein Gefühl von Geborgenheit und Zugehörigkeit vermitteln.
Selbstakzeptanz und Selbstliebe: Spirituelle Entwicklung beinhaltet oft auch die Arbeit an der eigenen Selbstakzeptanz und Selbstliebe. Wenn man lernt, sich selbst anzunehmen und zu lieben, kann dies zu einem tieferen Gefühl von innerem Frieden und Sicherheit führen.
Beispiele für spirituelle Praktiken
Meditation und Achtsamkeit: Regelmäßige Meditation und Achtsamkeitsübungen können helfen, den Geist zu beruhigen, innere Stärke zu entwickeln und ein Gefühl der Verbundenheit zu erfahren.
Gebet und Dankbarkeit: Das Gebet, ob individuell oder in Gemeinschaft, kann ein Gefühl der Verbundenheit mit einer höheren Macht vermitteln und Dankbarkeit für die eigenen Gaben und Segnungen kann das Gefühl der Sicherheit stärken.
Naturerlebnisse: Zeit in der Natur zu verbringen, kann eine Quelle der Ruhe und Inspiration sein und das Gefühl der Verbundenheit mit der Welt verstärken.
Künstlerischer Ausdruck: Kreative Tätigkeiten wie Malen, Schreiben oder Musik können helfen, innere Gefühle und Erfahrungen auszudrücken und ein Gefühl von Sinnhaftigkeit und Erfüllung zu vermitteln.
Hilfe bei spirituellen / religiösen Beratungsstellen: Wenn spirituelle oder religiöse Fragen und Herausforderungen auftreten, kann die Beratung durch eine entsprechende Fachkraft oder eine religiöse Gemeinschaft hilfreich sein.
Spirituelle Sicherheit ist ein individueller Weg, der für jeden Menschen anders aussehen kann. Es ist ein Prozess der Entdeckung, der darin besteht, die eigenen spirituellen Wurzeln zu finden und ein tiefes Gefühl von Vertrauen und Geborgenheit zu entwickeln.
Polizeiseelsorge bietet Beamtinnen und Beamten sowie allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Polizei bei der Bewältigung ihrer Aufgaben Rat, Unterstützung und Begleitung an.
Zum seelsorglichen Dienst der Kirchlichen Arbeit in der Polizei gehören Gespräche mit Polizeibediensteten und auch mit ihren engsten Angehörigen (Partnerinnen und Partnern, Eltern und Kindern).
Polizeiseelsorge bildet durch berufsethische Unterrichte aus und fort, begleitet Einsätze, gestaltet und feiert Gottesdienste (meist ökumenisch) und gibt Impulse für die rituelle und liturgische Gestaltung zur Bewältigung nicht alltäglicher Erfahrungen. Sie bietet Besinnungs- und Einkehrtage, Seminare und Projekte, Studienreisen und Wallfahrten an.
Polizeiseelsorge dient der Unterstützung der mentalen Gesundheit von Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten durch seelsorgerische Beratung und Begleitung, wodurch sie ihre Aufgaben in Bezug auf die öffentliche Sicherheit besser bewältigen können. Die Sicherheit der Beamtinnen und Beamten und damit auch der gesamten Bevölkerung wird durch die präventive Arbeit und Krisenintervention der Polizeiseelsorge gestärkt, da sie einen geschützten Raum bietet, in der sie über ihre Erlebnisse und Belastungen sprechen können, ohne dienstliche Konsequenzen befürchten zu müssen.
Ziele und Aufgaben der Polizeiseelsorge
Unterstützung von Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten: Die Polizeiseelsorge bietet eine psychosoziale Begleitung für alle Angehörigen der Polizei, insbesondere in Krisen- oder traumatischen Situationen, die im Dienst entstehen können.
Verarbeitung von Erlebnissen: Sie hilft Polizistinnen und Polizisten, belastende Situationen und den Umgang mit Leid und Tod zu verarbeiten, was für ihre professionelle Arbeit und psychische Stabilität entscheidend ist.
Stärkung der mentalen Gesundheit: Durch Gespräche, Beratung und Coaching trägt die Polizeiseelsorge zur Stärkung der mentalen Gesundheit der Beamtinnen und Beamten bei.
Sicherheitsaspekte
Vertraulichkeit und Schweigepflicht: Polizeiseelsorgerinnen und Polizeiseelsorger unterliegen der absoluten Schweigepflicht und sind unabhängig von der innerdienstlichen Hierarchie. Dies schafft einen sicheren Raum, in dem Beamtinnen und Beamte offen über ihre Probleme sprechen können (Zeugnisverweigerungsrecht).
Schutz vor Überforderung: Durch die Unterstützung bei der Bewältigung psychischer Belastungen hilft die Polizeiseelsorge, eine Überforderung von Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten zu vermeiden, die sich wiederum positiv auf die öffentliche Sicherheit auswirkt.
Befähigung zur Aufgabenerfüllung: Eine stabile und gut gestärkte Psyche ist für Polizistinnen und Polizisten essenziell, um ihre vielfältigen und oft schwierigen Aufgaben im Bereich der öffentlichen Sicherheit kompetent und souverän wahrzunehmen.
Am 9. April 2025 erschien ein Positionspapier zur Polizeiseelsorge mit dem Titel „unabhängig – vertraulich – professionell: Seelsorge in der Lebenswelt der Polizei“, herausgegeben von der Pastoralkommission der deutschen Bischöfe. Darin heißt es u. a.: „Das Markusevangelium berichtet davon, wie Jesus seine Jünger aussendet, um seine Botschaft in die Welt zu tragen. Sie kommen zurück und berichten von allem, was sie getan und gelehrt haben. Sie sind voll von Erlebnissen, Bildern und Eindrücken. Sie machen die Erfahrung, angenommen oder auch abgelehnt zu werden, sowohl erfolgreich als auch erfolglos gewesen zu sein. Jesus sieht seine Jünger an und hört ihnen zu. Er nimmt wahr, wie es ihnen geht und lädt sie ein: «Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus!» (Mk 6,31). Damit bietet er ihnen den Raum und die Möglichkeit, Kraft zu schöpfen, sich zu vergewissern, Abstand zu gewinnen und ihr Tun zu reflektieren. In dieser Nachfolge schauen Polizeiseelsorgerinnen und Polizeiseelsorger auf die Frauen und Männer in der Polizei und bieten ihnen mit ihrem personalen Angebot solche Räume an. Die Polizeiseelsorgerinnen und Polizeiseelsorger nehmen sich im Umgang mit den Menschen Jesu Handeln zum Vorbild. Jesus von Nazaret ist der Seelsorger schlechthin. Sie wollen für die Menschen zum Ausdruck bringen, was Gott, der Herr für uns alle ist, nämlich «Sonne und Schild» (Ps 84,12). Polizeiseelsorge versteht sich als Ort kirchlichen Lebens, als Raum, in dem Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte die Chance haben, die bedingungslose Zuwendung Gottes zu den Menschen zu erfahren. Polizeiseelsorge will so gesehen einen „Andersort“ im Sinne des französischen Philosophen Michel Foucault bieten. Diese Andersorte durchbrechen unseren Alltag und bieten Möglichkeiten der Reflexion und Zuflucht. Getragen von der Liebe zu den Menschen ist Polizeiseelsorge eine diakonische und aufsuchende Seelsorge. Die Polizeiseelsorge schafft zukunftsweisende Orte, an denen sich Kirche in neuen Formen der Vergemeinschaftung bildet.“
(aus: Die deutschen Bischöfe, Pastoralkommission, Nr. 56, 2025, S. 28f)
„ZUHÖREN × BEGLEITEN × AUSHALTEN“ – diese drei Wörter, die zum Inbegriff seelsorglicher Arbeit geworden sind, garantieren Polizistinnen und Polizisten in ihrer herausfordernden Arbeit Sicherheit, um selbst die Sicherheit in unserem Land zu gewährleisten.
Bildrechte: Bayerische Polizei














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