Wer wirklich die schönsten Kartoffeln erntet? Der sprichwörtliche „dümmste Bauer“ ist es jedenfalls nicht…
- 15. Apr.
- 3 Min. Lesezeit

Manchmal scheint unsere Mühe vergeblich – im Garten wie im Leben. Doch vieles wächst im Verborgenen und trägt Früchte, die wir oft erst später oder gar nicht selbst sehen. Eine kleine Geschichte über Geduld, Vertrauen – und überraschende Kartoffeln.
Endlich ist der Frühling da. Büsche und Bäume blühen, Tulpen leuchten mit Narzissen um die Wette und die Gärtnerinnen und Gärtner unter uns zieht es jetzt mit Macht nach draußen.
Für die Kollegin L. ist das Garteln fast ein Lebenselixier. „Nirgends kann ich so dermaßen vom Dienst abschalten und entspannen wie im Garten“, erzählt sie. Umgraben, Quecken und Giersch ausbuddeln, die frische Erde riechen, den weichen Boden fühlen. Und natürlich Kräuter und Gemüse umsorgen. Der Gedanke an das vergangene Gartenjahr macht ihr in der Hinsicht allerdings weniger Freude: „42 Töpfchen hatte ich angesät! Rosenkohl, Blumenkohl, Mangold, Fenchel, Artischocken, Auberginen und Zucchini. Und dann? Ein einziger Mangold ist aufgegangen…“ Lange zu kalt, lange zu nass, klar, man steckt halt nicht drin, aber... Der Frust war spürbar.
Plötzlich muss sie lachen. „Aber weißt du was? Ich habe ein paar Bottiche hinter dem Haus stehen, da hatte ich es vor zwei, drei Jahren mal mit Kartoffeln probiert. Da spross es auf einmal und wucherte. Also hab ich’s gegossen und angehäufelt und konnte letzten Oktober immerhin drei Kilo Kartoffeln ernten. Die ich ja eigentlich gar nicht gelegt hatte…“ Und auch in diesem Spätwinter konnte L. noch etwas entdecken. Die taub gebliebenen Töpfchen der letztjährigen Aussaat hatte sie in einen alten Rosentopf ausgeleert. Geradezu klammheimlich ist über den Winter ein kleiner Rosenkohl herangewachsen. Er sieht noch ein bisschen gerupft aus, aber wer so zäh und tapfer ist, macht doch Hoffnung auf weitere Überraschungen zur Erntezeit!
Das Leben: ein Garten. Viel gesät, manchmal scheint das Wenigste davon aufzugehen. Wie oft beschreiben Kolleginnen und Kollegen das Gefühl, sie mühen sich umsonst und arbeiten für den Papierkorb. Schreiben sorgfältig Sachverhalte, wo dann umgehend eingestellt wird. Schlichten Streit, der in Kürze wieder aufflammen wird. Nehmen Anzeigen auf gegen gewalttätige Partner, die alsbald zurückgezogen werden. Auch hier: der Frust ist spürbar.
Rechnen wir auch mit dem anderen? Dass unsere Arbeit mit und für die Menschen Früchte trägt, auch wenn wir diese Früchte erst sehr viel später oder gar nie zu sehen bekommen? „Was Sie mir damals gesagt haben, habe ich nie vergessen. Das begleitet mich bis heute.“ „Sie haben so anders reagiert, als ich das erwartet hätte. Das hat alles verändert.“ „Danke, dass Sie mir damals geholfen haben. Ohne Sie wäre ich da nie rausgekommen.“ Ziemlich sicher ist es nur ein Bruchteil solcher Gedanken, der wirklich laut geäußert bei den Adressaten ankommt, die „Dunkelziffer“ muss hoch sein! Denn oft geht es dabei um für uns völlig unspektakuläre, alltägliche Begegnungen, die aber bei anderen – aus welchen Gründen auch immer – einem einmaligen Eindruck hinterlassen. Eben wie im Garten: man steckt halt nicht drin.
„Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land“, heißt es in einem alten Kirchenlied,
„doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand:
der tut mit leisem Wehen sich mild und heimlich auf
und träuft, wenn heim wir gehen, Wuchs und Gedeihen drauf.“

Zum Wohl, zum Nutzen für andere braucht es Hände, Augen, Mund von Menschen, die Verantwortung übernehmen. Damit verbunden ist aber nicht der Anspruch, alleine für das Gelingen sorgen zu müssen. „Er wickelt seinen Segen gar zart und künstlich ein“ in unsere Arbeit und unsere Mühen. Mir gefällt dieser Gedanke vom himmlisch-menschlichen Zusammenwirken, im Garten wie im Dienst. Und manchmal gibt es überraschend Kartoffeln als Belohnung.
Autorin: Antje Biller


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